VERSUCHSKIND

Jacob Davis war ein einfacher Schneider und hatte nicht sonderlich viel Geld. Dafür hatte er Ideen. Eine davon war, die Nähte von Hosen mit Nieten zu verstärken. Da er sich das Patent dafür nicht leisten konnte, ging er damit zu einem bekannten Händler. Levi Strauss. Der verkaufte damals Güter des täglichen Bedarfs für die Goldgräber in San Francisco. Am 20. Mai 1873 reichte Strauss mit Davis zusammen das Patent für Verstärkungen von Nähten durch Nieten ein. Das ursprünglich braune Segeltuch wurde später durch den mit Indigo gefärbten „Denim“ abgelöst. Die „Jeans“ war geboren…

Amerikanische Soldaten brachten die Jeans nach dem zweiten Weltkrieg nach Europa. Die erste deutsche Jeans wurde von der L. Herrmann Kleiderfabrik in Künzelsau produziert, die 1958 in „Mustang“umfirmierte. In Deutschland ist die Jeans seit der Zeit nicht mehr wegzudenken. Sie hat jede Mode und Stilrichtung überlebt und wurde schon in jeglicher Form verkauft und getragen. Immer wenn man glaubt, das man schon jede Form, jeden Schnitt, jede Waschung und Länge gesehen, eventuell sogar schon getragen hat, wird man eines Besseren belehrt.

Ich hatte solch einen Moment auf der SEEK in Berlin, im Januar. Es passiert mir nicht oft, das ich jemanden anstarre, der vor mir her geht. Für Hosen habe ich einen besonderen Blick. 1995 habe ich selbst ein eigenes Label in der Türkei designed und produziert. Jeansschnitte ähnlich der Levis 501 mit Knopfleiste in „Super 100er Schurwolle“. Eine besondere Mischung damals… Bei dieser Hose vor mir, stimmt irgend etwas nicht. Sie ist komplett asymmetrisch und scheint total verzogen. Verdrehte Beine, Asymmetrie in den Taschen, schiefe Nähte. Super Waschung, Raw Look. Ein absoluter Hingucker. Der Träger gibt mir bereitwillig und ein wenig stolz Auskunft über den Erwerb der Hose. Der Shop: OUKAN Berlin, die Marke: VERSUCHSKIND. Auch aus Berlin. Warum wundert mich das nicht? Ich freue mich innerlich, das so eine abgefahrene gute Marke nicht wieder aus Tokio, LA, New York oder irgendwo in Italien kommt.

In ökologischer Hinsicht werden Jeans unter hohen Belastungen produziert: enormer Wasserverbrauch, Baumwoll-Monokulturen mit Pestizideinsatz, Färben, große Transportdistanzen zwischen den einzelnen Produktionsschritten. Unter diesem Aspekt sind die ungewaschenen Raw-Denim-Hosen und -Jacken noch am wenigsten schädlich, da bei Jeans mit Zusatzbehandlungen wie Vorwaschen, Sandstrahlen, bleichen usw. die Ökobilanz noch erheblich verschlechtert wird. Zudem halten die ungewaschenen Jeansstoffe logischerweise viel länger als künstlich zerstörte Jeans. Ich möchte mehr wissen…

Tanja Kim Kupke und Thomas Hintz. Berlin. Na super. Mehr bekomme ich nicht raus? Ich habe einige Zeit recherchiert. Auf allen Kanälen. Facebook, Intagramm, Google. Am Ende rufe ich ein paar Kunden von mir an. „Thomas und Tanja, ja klar. VERSUCHSKIND, geile Marke. Was ? Nein, Telefonnummer habe ich nicht. Nur Email.“ Irgendwie gefällt mir das. Es gibt genug künstliche Marken, die von irgendwem irgendwo für wenig Geld produziert werden, um dann so teuer wie möglich von irgendwem verkauft werden. Hier ist das anders.  Kunst als Ursprung? Ich finde ein Bild im Netz. VERSUCHSKIND  Artwork vom Künstler Matthias Hintz.

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Das Bild, das das Brandlogo wurde, zeigt einen Kinderkopf mit wachsenden Antennen, die das kindliche Interesse an einfach allem symbolisieren. Kinder sind unbefangen und haben einen klaren Blick auf die Dinge sind in der Lage, neu und anders zu denken… Das Bild besteht aus mehreren Farbstoffen und Wachsschichten. Eine  Inspiration für alle Farben und Schattierungen, Waschungen und Verarbeitungen.

Auf Anfrage erfahre ich, das es das zweite Label der Beiden ist. HI-Ku, ein Menswearlabel, war nur der Anfang. VERSUCHSKIND Spezialisierung. Tanja und Thomas produzieren in Bayern, verschiedene Waschungen auch in Italien. Ganz ohne Sandstrahlen, nach Ökotex-Standard und mit eigener, geheimer Färbetechnik. Die Hosenschnitte sind einzigartig. Die „Curve“Technik verhindert das einknicken des Knies nach innen. Somit fällt der Stoff eigenwilliger als bei geraden Schnitten. Vieles entsteht in Handarbeit. Alle Nähte werden mit schwarzem Paspelband eingefasst, anstatt nur mit Kettnähten versäubert.

Die Kollektion Fall Winter umfasst 16 Teile, davon 3 Jacken. Der Denim wird bei 12 – 14 oz in  16 Waschungen produziert. Alle mit 2% Komfort-Stretch. Die Sommerkollektion lag im Vergleich bei 10 – 12 oz. Der Denim wird natürlich in Italien gewaschen. Auch hier wird auf größte Sorgfalt geachtet, wenn es um Umweltbelastungen und Wasserverschmutzung geht.

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Fragt man nach der Zielgruppe, so wird schnell klar, das wir hier von einer Premiummarke sprechen. Preislagen um 300€. Der Durchschnittskunde fängt bei Mitte 30 an… Es sind eben besondere Jeans, die nicht in eine typische Jeansboutique passen. Wenn ich mir die Kollektion anschaue, wird mir wieder einmal klar, warum ich Avantgarde so mag. Hier ist alles möglich. Es ist eine besondere Szene mit besonderen Einflüssen. Vieles aus der Kunst, mit gutem Design, exzellentem Handwerk und einem Blick für das Einzigartige. Eine Jeans als Design-Element, eine Hose als Mittelpunkt seines Outfits…

Wer nach VERSUCHSKIND sucht, sollte in angesagte, hochwertige Läden schauen, wie Thomas I Punkt in Hamburg, OUKAN in Berlin, Scheinkraft in Leipzig, Stierblut in München, BOB in Köln, oder B15 in Klagenfurt.

Wer sich näher informieren möchte, sollte unter http://www.versuchskind.com schauen. Eine Stocklist findet Ihr hier: http://versuchskind.com/stockist.html

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